Das gläserne Ich
Es liegt kein Werkstück auf dem Tisch,
kein Ding aus Holz, kein kalter Fisch.
Gedicht, das auf dem Blatt hier steht,
ist Haut, die mit dem Wind verweht.
Wer hier den Rotstift kühl ansetzt,
hat schnell den Schöpfer mitverletzt.
Denn Zeile, Wort, Analogie
sind nicht Produkt, sondern Es, Er und Sie.
Kritik trifft selten nur den Reim,
sie dringt ins Innere hinein.
Verschmolzen sind hier Werk und Dichter
das kann man schwerlich trennen: Trichter
des Lobs verfliegt wie Rauch im Wind,
doch Tadel bleibt, wenn wir empfindlich sind.
Der Bias zieht uns tief hinab,
schaufelt dem Selbstwert schnell ein Grab.
Man spürt Gefahr, man will sich wehren,
statt aus den Worten Sinn zu mehren.
Fehlt die Empathie im strengen Wort,
fegt sie die Brücke zu uns fort.
Willst du mich bessern? Willst du jagen?
Die Absicht lässt sich kaum ertragen,
wenn sie nur sachlich Kälte zeigt
und nicht zum Menschen sich verneigt.
Im Jahr sechsundzwanzig gilt als Pflicht:
Ohne Achtsamkeit geht's nicht.
Toxisch ist, was nur zerstört,
wo man den Menschen nicht mehr hört.
Doch wer entscheidet, was gesund?
Nur du allein, im Herzensgrund.
Führt das Denken dich ins Licht?
Oder lähmt es dein Poker-Gesicht?
Das Grübeln dreht sich nur im Kreis,
zahlt an die Angst den höchsten Preis.
Gesunde Reflexion macht Perspektiven weit,
schafft Raum und Handlungsfähigkeit.
Bist du erschöpft oder bereit?
Das ist der Maßstab dieser Zeit.
Ja, das Dichten heißt, sich nackt zu machen,
über die eigenen Ängste lachen,
oder weinen, offen, ohne Schutz,
bieten der Seele keinen Trutz.
Radikal verletzbar sein,
lässt erst die wahre Kunst hinein.
Doch um den Schmerz nicht stur zu trinken,
und nicht in Scham hinein zu sinken:
Setz eine Maske auf das Ich,
sie schützt den Kern, sie schützt auch dich.
Lass die Figur die Worte tragen,
lass sie die schweren Dinge sagen.
So wird Kritik zum Werkzeug bloß,
und du lässt deine Ängste los.
Das Werk wird stark, der Mensch bleibt ganz –
ein Tanz auf Seilen, mit Distanz.


