Was bedeutet Heilung wirklich? In einer Welt, die uns oft vorschreiben will, wie wir mit unseren Verletzungen umzugehen haben, gerät die eigene Wahrheit schnell aus dem Blick. Wir sollten Rückschläge als "Geschenk" betrachten und unsere seelischen Brüche mit Gold füllen, als wären sie kostbare Kunstwerke. Gleichzeitig erleben wir in Momenten größter Verletzlichkeit oft, dass gerade jene, die uns professionell stützen sollten, unsere Grenzen übersehen.
Mit den beiden Gedichten „Anker in der Zeit“ und „Kein Gold für Schmerz vergeuden“ ziehe ich einen Schlussstrich unter die Fremdbestimmung des eigenen Schmerzes. Sie ergänzen sich wie zwei Seiten derselben Medaille: Das erste Gedicht sucht nach dem echten, unprätentiösen Halt im Sturm – weit weg von institutioneller Kälte, hin zu den verlässlichen Wegbegleitern des Alltags. Das zweite Gedicht verweigert sich dem Zwang zur toxischen Positivität. Denn nicht jeder Bruch muss vergoldet werden, um zu heilen. Manchmal reicht es schon, wenn er von den richtigen Händen gehalten wird.
Kein Gold für Schmerz vergeuden
Anker in der Zeit
„Erwachsen und gebildet“ heißt nicht klug,
und mancher Status ist nur Selbstbetrug.
Wer Macht besitzt, erzwingt sich oft Respekt,
auch wenn ein kalter Kern dahinter steckt.
Wenn jene, die beschützen sollten, schweigen,
sich unverantwortlich und drohend zeigen,
dann schrumpft das Wohlbefinden tief in mir,
mein ganz Gemüt flieht vor der Kälte hier.
Doch manchmal, wenn die Ohnmacht mich umfängt,
wird mir ein unerwarteter Schutz geschenkt.
Ein kurzer Impuls, so behutsam und echt,
löst sanft meiner dunklen Gedanken Geflecht.
Im Singen und Beten, dem Göttlichen nah,
ist vorwärtsgewandt wieder Positives da.
Ein guter Heiler, der das Herz versteht,
die sanfte Katze, die den Weg mitgeht.
Mein Ehemann als Anker in der Zeit,
der mit mir teilt die schwere Dunkelheit.
Das tiefe Wissen, nicht allein zu sein:
Behütet hüllt mich dieses Fühlen ein.
Ein jeder Lebensabschnitt bringt uns Menschen her,
oft geh'n sie wieder, fällt es leicht oder auch schwer.
Was aber bleibt, ist jener feste, enge Kreis,
der manchmal reibt und doch um seine Treue weiß.
🤝
Kein Gold für Schmerz vergeuden
Man spricht so gern von der Kintsugi-Kunst,
als läge in den Brüchen hohe Gunst.
Man füllt die Risse prunkvoll auf mit Gold,
als hätte man den eig'nen Schmerz gewollt.
Mir ist die Kunst der gold'nen Risse fern,
ich mag verklärte Bruchstellen nicht gern.
Ein Bruch bleibt nur ein Bruch und ist nicht schön,
ich werde ihn mir niemals gönn'.
Ich baue keinen Altar für das Leid,
ich suche keine falsche Heiligkeit.
Mach aus Erfahrung keine Religion,
die überstand'ne Not braucht keinen Thron.
Es heilt auch so, ganz ohne Glanz und Schein,
die Narbe darf auch ungeschminkt hier sein.
Sie muss nicht Schönheit oder Stolz bedeuten:
Ich werde nie mein Gold für Schmerz vergeuden.


