Siegfried Kracauer ist ein Soziologe, der sich viel mit der „Oberfläche“ der Gesellschaft und dem „Massenornament“ beschäftigte. Dass das Enneagramm Menschen in ein geometrisches Muster presst, hätte sicher ein soziologisches Interesse für ihn – und ihn wahrscheinlich kritisch gestimmt.
Das Ornament der neun Gesichter
Es knistert und spannt:
Die Bindungsverwebung
Dieses Geflecht
Gibt mehr als Kundgebung
Es zeigt eine Wirkung
Auf längere Dauer.
Vielleicht wär's von Interesse
Für einen Kracauer...
Denn wo man den Menschen in Muster presst,
Da feiert die Wissenschaft selten ein Fest.
Validität? Die sucht man vergebens,
Kein Studium stützt diesen Plan des Lebens.
Es wirkt esoterisch, fast wie Magie,
Doch fehlt ihm die harte Empirie.
Man öffnet neun Schubladen, schiebt dich hinein,
„Du bist Typ Vier!“ – so muss es wohl sein?
Doch Vorsicht vor diesem fixierten Blick,
Er bricht der Seele ihr wahres Genick.
Statt Vielfalt zu sehen, wird stereotypisiert,
Bis der Mensch sich im Nummern-Korsett verliert.
Und passt es nicht immer? Ein bisschen, irgendwie?
Das nennt man den Barnum-Effekt, mon ami.
Die Sätze so vage, so allgemein weich,
Da fühlt sich im Grunde doch jeder gleich.
Die Selbstschau ist trügerisch, subjektiv pur,
Vom wahren Kern oft nur wenig Spur.
Gefährlich wird’s dann, wenn man starr dabei bleibt,
Und alles Verhalten dem Typus zuschreibt.
„Ich kann ja nicht anders!“ als Rechtfertigungsgrund,
Das hemmt nur das Wachstum und ist ungesund.
Auch Firmen nutzen’s zur Manipulation,
Kategorisieren für besseren Lohn.
Ob Kirche, ob Forschung, die Warnung ist klar:
Nimm dieses Modell nicht als absolut wahr.
Als Spiegel zur Reflexion mag es wohl taugen,
Doch betrachte die Welt nicht nur durch neun Augen.
Die Wahrheit ist größer als jedes System,
Auch wenn das Enneagramm noch so bequem.
The Ornament of Nine Faces
It crackles and strains,
The bond that remains,
This mesh, intricate,
Is more than a mandate.
It shows an effect
With lasting power.
Perhaps of interest
To a Siegfried Kracauer...
For where you press humans in patterns so tight,
Science will rarely applaud with delight.
Validity? That is a treasure unseen,
No studies support this life-mapping machine.
It seems esoteric, like magic and lore,
But lacks hard empirics at its very core.
You open nine boxes and shove people in,
"You are a Type Four!" – let the labeling begin?
But beware of this rigid and fixated stare,
It breaks the true spirit and strips it all bare.
Instead of diversity, stereotypes bloom,
Lost in a corset of numbers and gloom.
And doesn't it fit? Just a bit, you agree?
That’s called the Barnum Effect, don't you see?
The phrases so vague, so generally spun,
That deep down they apply to almost everyone.
Self-judgment is tricky, subjective and blind,
The truth of the self is much harder to find.
It gets dangerous when you remain rigid still,
And blame all your actions on "Type" and not will.
"I cannot change it!" as an excuse for your way,
Stops all your growth and keeps progress at bay.
Even companies use it for manipulation,
To categorize for their own compensation.
From church or from research, the warning is clear:
Don't hold this model as absolute dear.
As a mirror for thought, it might serve for a while,
But don't view the world through a nine-sided dial.
The truth is much larger than any one scheme,
No matter how comfy the Enneagram seem.


