Der Kracauer-Zyklus beschreibt die Bewegung auf der belebten Straße in die mediale Leere im Sinne der Aufnahme der Massenkultur durch die Atmosphäre des Kinosaals mit ihrem kalten und unechten elektrischen Licht und vielen gelangweilten Flaneuren. Er vergleicht das organische, fast anarchische Leben der „kleinen Leute“ (basierend auf seinen Paris-Beobachtungen) und die mechanisierte, entleerte Welt der medialen Zerstreuung (Radio, Kino, Leuchtreklame aus dem Essay „Langeweile“).
Mosaik und Hohlraum
Ein Kracauer-Zyklus
I. Unlesbares Muster des Straßenvolks
Es dünstet Wärme, animalisch, schwer,
Das Volk der Straße, kein Kirchenheer.
Es strebt nicht himmelwärts, baut sich nicht auf,
Es baut sich ab im Lebenslauf.
Ein Emporschießen und zugleich Zerfall,
Bunt schimmert hier das irdische All.
Hier herrscht ein Zwang, ganz unbekannt,
Der jede feste Form verbannt.
Kein lesbares Muster will hier entstehen,
Nur improvisiertes Mosaik ist zu sehen.
Die Dinge stehen bunt und nah,
Wie in der Basarstraße, fern und doch da.
Konserven quellen wie aus Katakomben,
Statt bürgerlicher Sicherheits-Plomben.
Trotzdem flüchten Leute immer wieder heraus:
Ob Burschen, Gestalten oder sogar ein Graus...
II. Der Hohlraum zur Flucht
Doch blickt man tiefer ins Bild, das man fühlt,
Bleibt mancher Hohlraum ungefüllt.
Die bürgerliche Bahn ist grad’ und starr,
Doch das System? Nur ein Chimären-Narr.
Die Lücke klafft, die Angst geht um,
Das Publikum bleibt im Gaffen stumm.
Der Pegasus muss im Kreise gehen,
Am Karussell, statt am Himmel zu stehen.
Das Kino, dieses große dunkle Loch,
Zerrt uns vor die Leinwand doch.
Ein Scheinleben, das niemandem gehört,
Hat die private Stille zerstört.
III. Das zerstäubte Antennenschicksal
Das Radio in den Salons nun glänzt,
Wo sich der Mensch vom Ich abgrenzt.
Es zerstäubt die Wesen, ehe sie funken,
Wir sind in Weltgeräuschen ertrunken.
Trächtig mit London, Berlin und der Welt,
Wird man vom Jäger zum Wild bestellt.
Man schnurrt zusammen, wo "Nebel im Raum",
Verloren geht der eigene Traum.
Antennenschicksal, das wir erleiden:
Wir können uns selbst nicht mehr entscheiden.
Was wäre von Nöten, damit's weiterliefe?
Sieht man das Ganze – oder nur das Schiefe?
IV. Der umkämpfte Mittelstand
Hier stellt sich die Frage, scharf und präzis:
Ist das die Wahrheit oder nur ein Riss?
Fängt Kracauer ein, was wirklich geschieht?
Oder ist’s nur das, was der Flaneur sieht?
Weg vom Gefühlsdusel, hinein in den Stand,
Der Mittelstand wird hier zur Wand.
Ein Zielobjekt, heiß und hart umkämpft,
Wo das Schicksal die Sinne dämpft.
Was bleibt, ist die Frage an die Perspektive:
Geht ums Passive oder Aktive?
Klassengemeinschaft? Ein nebulöses Wort.
Die Wirklichkeit spült die Romantik fort.


